| 08. März 2010
Die beste deutsche Nachwuchsspielerin Anna-Lena Friedsam (Andernacher TC) spricht über ihren Aufstieg und einen vollen Terminkalender
So viel zum Thema Traumberuf Tennisprofi: Morgens um 7 Uhr aus dem Haus, Unterricht in der Schule, nachmittags zwei Stunden Tennistraining, danach eine Stunde Kraft oder Kondition bolzen, zwischendurch Hausaufgaben, meist geht’s um sechs Uhr nach Hause, oft auch erst um neun. Und dann wartet da immer noch der Lernstoff, der nachgeholt werden muss. Schließlich ist die 16 Jahre alte Schülerin Anna-Lena Friedsam 15 bis 20 Wochen lang weg von zu Hause. Künftig könnten es noch mehr werden, und daran ist Friedsam in gewisser Weise selbst schuld.

Friedsams Trainer und Förderer: Coach Bijan Wardjawand (m.) und LSB-Vizepräsident und Präsident des Tennisverbandes Rheinland-Pfalz Ulrich Klaus. (Foto: J. Dick)
Die Rechtshänderin ist der Shooting-Star des vergangenen Jahres, verbesserte sich in der ITF-Weltrangliste der U18-Juniorinnen von Platz 158 auf 23. „Und je besser man wird, desto mehr Turniere muss man spielen“, berichtet Friedsam. Ab Mitte Februar wird sie wieder drei Wochen in der Schule fehlen, drei Turniere spielen in Südamerika, eines in Paraguay, zwei in Brasilien. „Das ist schon stressig“, gibt die Rechtshänderin zu. Einfach alles hinschmeißen, wie die anderen einfach nur zur Schule gehen, sich mit Freundinnen treffen, die Freizeit genießen – ernsthaft hat Friedsam daran noch nicht gedacht. „Klar würde ich gerne mal die Füße hochlegen und meine Ruhe haben. Aber ich spiele einfach zu gerne Tennis.“ Und das äußerst erfolgreich.

Die Australian Open hinter sich, die Zukunft vor sich: Anna-Lena Friedsam und Leandro Toledo (Sportpark Windhagen). (Foto: privat)
Friedsam ist mehrmalige Deutsche Jugendmeisterin und momentan die beste deutsche Nachwuchsspielerin. Sie gewann 2009 unter anderem die Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin und wurde Vize-Weltmeisterin mit der Jugend-Fed-Cup-Mannschaft. Deshalb verlieh ihr der Landessportbund den erstmals ausgeschriebenen Nachwuchs-Förderpreis. „So möchten wir deutlich machen, dass Weltklasseathleten von morgen schon jetzt national und international Rheinland-Pfalz repräsentieren“, erklärte Ulrich Klaus, LSB-Vizepräsident Leistungssport, Präsident der Tennisverbände Rheinland-Pfalz und Rheinland und einer der großen Förderer von Friedsam.
Die Spielerin des Andernacher TC wird durch die Verbände finanziell unterstützt, der LSB zahlt ihr etwa Nachhilfestunden und stellt Mittel aus seiner Eliteförderung bereit. Denn so ein Leben als Tennisprofi in spe kostet eine ganze Stange Geld. Reisen, Unterkunft, Training – allein die Kosten für die Australian Open im Januar dieses Jahres, dem zweiten Jugend-Grand-Slam-Turnier Friedsams, schätzt ihr Trainer Bijan Wardjawand auf 6.000 bis 9.000 Euro. „Wir versuchen, über Kontakte Sponsoren zu finden. Je erfolgreicher Anna-Lena spielt, desto einfacher wird das.“ Seinen Schützling in die Obhut einer Management-Agentur zu geben, möchte der Trainer nicht. „Die wollen nur ihr Geld verdienen und bestimmen dann die Spielregeln.“
"Eine ruhige Susi Sorglos"
Anna-Lena Friedsam stammt nicht gerade aus einem Tennis-Clan. Genauer gesagt, ist sie die einzige in ihrer Familie, die zum Schläger greift. Früher spielte sie Fußball, doch der Vater sah das nicht so gerne. Also meldete die Mutter sie im Tennisverein an. Schon früh zeigte sich das Talent des Mädchens aus Oberdürenbach (Landkreis Ahrweiler), heute lobt ihr Trainer Bijan Wardjawand besonders ihre Athletik und ihre Schlagstärke. „Außerdem strahlt sie eine große Ruhe aus. Sie kann recht schnell das System herunterfahren und sich auf den nächsten Ballwechsel konzentrieren.“ Ab und an jedoch muss der Verbandstrainer des Tennisverbandes Rheinland seinen Schützling zur Konzentration auf das Wesentliche anhalten. „Manchmal hat sie ein bisschen zu viel von Susi Sorglos.“Viele ihrer Konkurrentinnen auf großen Turnieren haben bereits ihre eigenen Geldgeber und konzentrieren sich voll aufs Tennis. Anna-Lena Friedsam möchte jedoch zuerst die Schule fertig machen, bevor sie richtig einsteigt. „Mittlere Reife muss schon sein. Das Abitur wäre natürlich am allerbesten.“ Derzeit besucht sie, wenn es der Turnierplan zulässt, die zehnte Klasse des Koblenzer Gymnasiums auf der Karthause, einer Eliteschule des Sports. Mitschüler und Lehrer unterstützen sie nach Kräften, das Versäumte nachzuholen.
Ein bisschen fühlt sich Friedsam dennoch wie der Hamster im Rad. „Kaum habe ich den Stoff aufgeholt, muss ich zum nächsten Turnier. Und wenn ich wieder nach Hause komme, darf ich wieder den neuen Stoff nacharbeiten.“ Friedsam sagt das mit einem Lächeln im Gesicht, sie mag ihr Leben und will im Tennis vorankommen – auch wenn es meistens stressig ist. „Man muss einfach dranbleiben.“ Jeden Tag – von morgens bis abends.


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